Montag, 10. März 2014

Warum schweigen sie bloß?

Sibylle Lewitscharoff drückt ihre Abscheu vor homosexuellen Familien aus. Das kann sie ruhig machen. 
Aber: Warum protestiert niemand?

Text von Jan Feddersen
Eine Übernahme von taz.de

Über die Rede dieser Schriftstellerin, die durch den vorjährig an sie verliehenen Büchner-Preis bekannte Sibylle Lewitscharoff, ist Hinlängliches schon gesagt worden: von Dirk Knipphals etwa in der taz unter dem Titel „Eine schreckliche Tirade“, aber er war der Erste aus der Riege der Schreiben- und Beschreibenden im Literaturmilieu, und er ist es bis jetzt geblieben. Das ist das eigentlich Traurige an dieser Causa, das ist der Skandal, den näher sich anzuschauen überhaupt nur lohnt.

Lewitscharoff lehrte uns, dass eine Autorinnenschaft, der „Sprachartistik“ in größter und scheinneutraler Gewogenheit attestiert wird, sich stark auf das Grundrecht der freien Meinungsäußerung berufen muss, um noch halbwegs für satisfaktionsfähig gehalten zu werden.

Bei dieser bekennenden Schwäbin, die auf ihren gesunden Menschenverstand viel hält und insofern auch auf ihre dialektal starke Färbung ihres Sprechens, ist nun laut geworden, was neulich, nur heterosexuell-männlicher und mit der Mentalität des Entnervten, auch aus Mathias Matussek in der Welt herausbrach: Er findet die Geringschätzung Homosexueller in Ordnung, bekennt sich zur „Homophobie“ und mochte damit nur sagen, was offenbar nie gesagt werden durfte.

Dienstag, 4. Februar 2014

Für vielfältige Gleichheit


Queer Lecture: Hans Hütt - Homosexuellenhass
Eine Besprechung von Benno Gammerl


Am 30. Januar 2014 hielt der Publizist, Politikwissenschaftler und Blogger Hans Hütt, auf Einladung von IQN-Queer Nations, eine Queer Lecture über den neuen Homosexuellenhass unserer Zeit im taz Café. IQN-Vorstand Benno Gammerl nimmt in seiner Besprechung eine erste Einordnung vor. 

Vor den Winterkämpfen von Sotschi erreichen uns heute fast täglich Botschaften, die die Diskriminierung von Homosexuellen und die dafür verantwortlichen Schurken in Russland und anderswo mit starken Worten verurteilen. Diese Form der anklagenden Kommunikation ist nicht Hans Hütts Sache. Er setzt dagegen auf die Stärken einer anspielungsreichen Sprache, die nicht immer schon weiß, wo die Probleme liegen und wie sie zu lösen seien, sondern die stattdessen Fragen aufwirft, auf die es keine einfachen Antworten gibt.



Eine dieser Fragen befasste sich mit den Protesten gegen die Öffnung der Ehe für geichgechlechtliche Paare in Frankreich. Über Giorgio Agamben und Alexandre Kojève baute Hütt eine große Brücke zur Spaltung Westeuropas in einen protestantichen Norden und einen katholischen Süden. Auf dieser Brücke stehend konnte man unten im Tal schemenhaft erkennen, wie sich die Bevölkerungen der "Südländer" in ihrem Kampf für traditionelle, lesben- und schwulenfeindliche Werte auch gegen das "nördliche" Diktat einer Austeritätspolitik zur Wehr setzen, die ihren Ländern die materielle Existenzgrundlage zu entziehen droht.

Sonntag, 2. Februar 2014

Unsere neuen Feinde? | Queer Lecture

Die sexuelle Vielfalt und
ihre Feinde in Osteuropa
Queer Lecture II/2014 
Vortrag & Podiumsdiskussion


(CC BY-SA 2.0  Roma Yandolin/flickr)
Moskau, Sommer 2013: Ein homophober Mob traktiert einen schwulen Aktivisten
(CC BY-SA 2.0  Roma Yandolin/flickr)

Warum schürt der russische Staat Hass auf Homosexuelle? Welche Folgen hat das für Schwulen und Lesben in Russland? Wie hat sich die Lage sexueller Minderheiten in Polen entwickelt, das einst als Europas Hort der Homophobie galt? Gibt es eine Kluft zwischen Westeuropa, wo die Rechte sexueller Minderheiten ausgeweitet werden, und Osteuropa, das eine neue Welle der Homophobie erlebt?

Lecture
Tomasz Kitliński 
(in Englisch)

Diskussion
Zlata Bossina (quarteera, e.V., Berlin)
Tomasz Kitliński (Sozialwissenschaftler, Brighton/Lublin)
Volker Weichsel (Redakteur „Osteuropa“, Berlin)

Moderation
Bodo Niendel (IQN-Vorstand, Politikwissenschaftler, Autor)
Jan Feddersen (IQN-Vorstand, Soziologe, Journalist, Autor)

05.02.2014, 19 Uhr
tazCafé, Rudi-Dutschke-Straße 23
10969 Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

taz.de
quarteera
Zeitschrift 'Osteuropa' der DGO
Queer Nations

Eine Veranstaltung der Initiative Queer Nations e.V. und Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde,e.V. in Kooperation mit der taz

Montag, 27. Januar 2014

"Homosexualität und ihre Feinde" - die Zeitschrift OSTEUROPA


OSTEUROPA
"Spektralanalyse - Homosexualität und ihre Feinde"
Rezension


Vom ersten positiven Coming-out-Roman Europas zum "Propaganda"-Verbot - Über die Geschichte und Lage von Lesben und Schwulen vor allem in Russland informiert die Ausgabe "Homosexualität und ihre Feinde" des Magazins "Osteuropa". Eine Rezension von Bodo Niendel.


Um es gleich vorweg zu sagen, dieses Büchlein ist eine Bereicherung und trägt zur Versachlichung der Debatte um die Homosexuellenfeindlichkeit in Osteuropa bei. Die Mehrzahl der Beiträge widmet sich der Situation in Russland. Der Historiker Dan Healey zeichnet die Situation sexueller Minderheiten nach. Ähnlich wie in anderen europäischen Staaten entwickelten sich auch in Russland ab etwa 1870 Formen homosexueller Subkulturen. Marginalisiert und zumeist auf St. Petersburg und auf Moskau beschränkt, trafen sich Schwule aber auch Lesben in Cafés, Parks und öffentlichen Plätzen und es kam zu gleichgeschlechtlichen Begegnungen in Toilettenanlagen.

Die patriachalen Verhältnisse diskriminierten diese Lebensweisen, jedoch wurde sie nicht strafrechtlich verfolgt, anders als in Deutschland. Entgegen so mancher linker Mythen stellte das Engagement Alexandra Kollontais für die sexuelle Befreiung in der Folge der Oktoberrevolution nur eine Randerscheinung dar.

Samstag, 18. Januar 2014

QUEER LECTURE | Homosexuellenhass

Homosexuellenhass

Queer Lecture mit Hans Hütt

Sind reaktionäre Mobilisierungen in Frankreich und Russland Zeichen
eines Rückgangs gesellschaftlicher Toleranz?


Paris, Frühjahr 2013: Protest für die Homo-Ehe
[CC BY-NC-SA 2.0 Rodrigo Sepúlveda Schulz/flickr]

Wer hätte gedacht, dass homophobe Katholiken unter dem Absingen der Marseillaise in den Straßen von Paris gegen Gleichheit und Brüderlichkeit randalieren? Aus welchen Gründen können sich Konservative und Reaktionäre in der modernen Welt vor allem auf eine Aversion einigen – dass Homosexuelle nicht die gleichen Rechte erhalten sollen? Sind die reaktionären Mobilisierungen nicht nur in Frankreich, sondern ebenso in Russland bereits Vorboten für die Rücknahme gesellschaftlicher Toleranz und Liberalität?

Paris, Frühjahr 2013: Protest gegen die Homo-Ehe
[CC-BY-SA-3.0 Eric Waltr/Wikimedia]

Hätte sich jemand ausmalen können, dass Schwule, Lesben, Trans* und überhaupt alle Queers unter das Kreuzfeuer von zwei Konterrevolutionen in Frankreich und Russland gelangen? Welche Motive werden da wirksam – historisch wie zeitgenössisch? Ist es denkbar, dass diese Motive eines nicht so fernen Tages auch die sexualpolitischen Konflikte in den so gemäßigt scheinenden deutschen Debatten prägen? Weshalb?

Paris, Frühjahr 2013: Protest für die Homo-Ehe
 [CC BY-NC-SA 2.0 Rodrigo Sepúlveda Schulz/flickr]


Paris, Frühjahr 2013: Protest gegen die Homo-Ehe
[CC BY-NC-ND 2.0 ANFAD/flickr]

Diskursanalytisch passen die Debatten vom demographischen Wandel, vom Geburtenmangel, von den falschen sich vermehrenden Paaren, von der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme zu gut zusammen, als dass man sie als Zufälligkeiten abtun könnte.

Vortrag: Hans Hütt
Publizist, Politikwissenschaftler
Blogger auf „Wiesaussieht“, einst Teil der legendären Berliner HAW

Moderation: Jan Feddersen
IQN-Vorstand, taz-Redakteur

30.01.2014, 19 Uhr
tazCafé, Rudi-Dutschke-Straße 23
10969 Berlin-Kreuzberg

Montag, 23. Dezember 2013

Rückblick/Bilanz/Ausblick - Queer Nations 2013

Die Mitglieder unserer Initiative Queer Nations IQN e.V. trafen sich kurz vor den Feiertagen im Sonntagsclub e.V. im Prenzlauer Berg zur Mitgliederversammlung – sie geriet zu einem intensiven Meinungsaustausch. Mit dabei war auch der frühere Bundestagsabgeordnete Michael Kauch (FDP), bei dem sich die MV herzlich für sein Engagement für die nun gegründete und arbeitsfähige Bundesstiftung Magnus Hirschfeld bedankte.

Kauch selbst führte aus, dass es ihm eine Freude war, gerade vor dem Hintergrund seines Verständnis von gesellschaftlichem Freisinn, die LGBTI*-Anliegen in der vorigen Legislaturperiode als Mitglied einer Regierungspartei nicht nur zu begleiten, sondern sie auch zu befördern.

Einig war sich die MV, dass die IQN e.V. ihre Arbeit fortsetzen solle: Denn erst die Hälfte des Vereinszweck wurde – nun die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld – erfüllt; die andere Hälfte, der Aufbau eines Elberskirchen-Hirschfeld-Hauses in Berlin, ein Think Tank, ein Archiv, eine Begegnungsstätte der Forschungen und ihre Präsentation, steht noch aus.

Der Vorstand, Bodo Niendel, Ulrich Dörrie, Benno Gammerl und Jan Feddersen als erster Sprecher bekräftigte in diesem Sinne weiterarbeiten zu wollen. Informell wurde verabredet, Manuel Schubert, als bereits jetzt aktiver Verantwortlicher für den Internetbereich, sowie die Historikerin Birgit Kiupel, die mit Jan Feddersen den Kuratoriumssitz in der BMH, inne hat, in einem Jahr für einen Vorstandssitz vorschlagen zu wollen.

Die nächsten Queer Lectures sind ebenfalls schon terminiert: Der Politikwissenschaftler Hans Hütt stellt am 30. Januar 2014 seine These von der rasenden Homophobie in Frankreich (und Osteuropa) vor.

Donnerstag 30.01.2014, 19 Uhr
Hans Hütt: Homosexuellenhass
Sind reaktionäre Mobilisierungen in Frankreich und Russland Zeichen eines Rückgangs gesellschaftlicher Toleranz?
taz-Café, Rudi-Dutschke-Straße 23, 10969 Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

OSTEUROPA - das Magazin der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) e.V., widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe Nr. 10  schwerpunktmäßig dem Hass auf nicht-heterosexuelle Menschen in Russland. Am 6. Februar 2014 stellt die "Osteuropa"-Redaktion das Heft im taz-Café vor. Es ist der Vorabend der Olympischen Winterspiele von Sotschi – ein passenderes Datum, um auf die antihomosexuelle Politik der russischen Politikeliten zu verweisen, gibt es nicht.


Mittwoch 05.02.2014, 19 Uhr
Präsentation und Gespräch zur aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Osteuropa"
"Spektralanalyse - Homosexualität und ihre Feinde"
taz-Café, Rudi-Dutschke-Straße 23, 10969 Berlin-Kreuzberg
Eintritt frei

Mittwoch, 30. Oktober 2013

FRÜHER WAR MEHR LAMETTA! (Oder nicht?)

QUEER LECTURE - Herbst 2013
Schwule Perspektiven auf die siebziger Jahre
Früher war mehr Lametta?

Vielen gelten die Siebziger als vergangene Utopie. Vor Aids und vor der Verbürgerlichung der Schwulen, denken manche, war der Homo-Sex noch in Ordnung. Aber wie lebte es sich tatsächlich zwischen Sub und Demo, Aktionsgruppe und Wohngemeinschaft, Tuntenstreit und Homolulu?



Und welche Rolle spielten in dieser Gemengelage die „Pädos“? Brach damals ein politisch und kulturell subversives „Bündnis der Perversen“ in eine hoffnungsfrohe Zukunft auf? Oder wichen die Schwulen lediglich für eine kurze, anti-bourgeoise Zeit vom bürgerrechtlichen Pfad der Homophilenbewegung ab, auf dem der LSVD später wieder große Erfolge errang? Oder entstand zwischen Radikalität und Anpassung, zwischen Promiskuität und Monogamie ein normalisierender Leistungsdruck, der schwules Leben bis heute prägt?

Diese und andere Fragen diskutieren der IQN-Vorstand/Zeitzeuge Jan Feddersen und der IQN-Vorstand/"Jungschwuppe" Benno Gammerl.

4. November 2013
19.30-21.00 Uhr
Sonntags-Club
Greifenhagener Straße 28
10437 Berlin